Mein Fitness-Studio kann ich aus
bereits genannten Gründen nicht mehr betreten. Das ist schade. Aber ich bleib dran. Denn ich bin zwar keiner dieser verhärmten Fitness-Junkies, die sich auf den Tag einen Apfel in Spalten schneiden, zu ihren Trainern Papa sagen und beim Ficken den Bauch einziehen, aber mein Körper ist ja quasi
mein Kapital unabdingbar mit mir verbunden, da sollte man schon ein bisschen drauf acht geben. Mit manchmal gesund essen, nicht so viel rauchen und Sport. Bis jetzt ist mir keine gute Sportart eingefallen, die ich machen möchte. Fitness ist ja raus. Yoga ist eigentlich ganz lässig, aber ich singe lieber
Tent als Mantras, und wenn dann dieser ganze Spür-Kram kommt, setzt mein Fluchtreflex ein. Bis ich mich entschieden habe, mache ich mein ganz persönliches Workout in meinem Wohnzimmer: Teppich zur Seite, Stepper-Gerät vor den Fernseher, Wii an und los geht’s. Die unten sehr monotone Bewegungen werden oben durch Tennis, Bowling oder Boxen ausgeglichen. Und der Erfolg kann sich wahrlich sehen lassen. Ich spiele inzwischen Tennis wie Bowling in der Profiliga, beim Boxen gabs eine Silbermedaille für Sandsäcke kaputtschlagen und mein getestetes Fitnessalter liegt schon seit einiger Zeit unter meinem tatsächlichen.

Meine Antriebsfeder? Der Erfolg.
Typ, Anfang bis Mitte 30, Studium kurz vor dem Examen, ihm fehlt nur noch das Thema für die Magisterarbeit, die Eltern sind dauerbesorgt aber unwissend ob Sohnemanns Eskapaden und Experimenten mit Sex (geschützt) und Drogen (meistens Marihuana). Mit Frauen hat er es nicht so, er beäugt und bewundert sie eher von weitem und ist, abgesehen von einigen ungeschickten Fummeleien, eher der Kumpel-Typ. Dabei sieht er nicht wirklich hässlich aus, liest anspruchsvolle Bücher und hat einen ausgezeichneten Musikgeschmack. Er durchlebt dann eine Zäsur (das kann wahlweise die Begegnung mit einem gesund verrückten Mädchen, eine psychische Störung oder sein Examen sein). Alles hoch dramatisch, und der Typ stellt schwer bewegt seinen Lebensentwurf in Frage. Um am Ende festzustellen, dass er gar nicht so schlimm ist, wie er ist, und dass er das ruhig noch ein paar Jahre weitermachen kann.
Ich kann es nicht mehr hören bzw. lesen, diese Art von Popliteratur. Das nervt. Wenn sich die Protagonisten dieser Bücher (und danach auch die echten Menschen) weigern, ein Spießerleben zu führen, ist das toll. Aber wenn der Gegenentwurf so aussieht, dass sie nur schwer bewegt und leidend durch die Welt zu stiefeln, reicht das nicht. Damit haben mich schon Lenz und Werther wahnsinnig gemacht. Hätte letzterer mal vernünftig geworben und sich gerade gemacht, hätte er vielleicht auch Lotte flachlegen können, mal ganz abgesehen von den echten Selbstmorden).
Ich lese keine Bücher als Rückversicherung, dass andere Leute ihr Leben noch viel weniger auf der Reihe haben als ich. Ich will Neues, ich will Wut, ich will Geschichten, ich will Menschen, die leben, und zwar auf allen Seiten. Sie können kiffen, koksen, fixen, heulen, wichsen, pissen oder vögeln bis zum geht nicht mehr, aber sie sollen dann gefälligst auch am nächsten Tag aufstehen und irgendwas MACHEN.