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Lieber Wagner,
andere experimentieren beim Kochen oder mit Drogen. Du hingegen experimentierst mit deiner Persönlichkeit. Für eine multiple bist du zu selbstverliebt, aber du probierst dich aus. In deinem Brief an den Amokläufer Georg bist du alles.
Verständnisvoller Psychologe. Sensationslüsterner Journalist. Bester Kumpel. Verrückter Franz Josef Wagner. Wissbegieriger Amok-Interessierter.
Gespannt sitzt du im Geiste vor Georg. Jetzt bist du der Therapeut. Du hast Verständnis. Du siehst den Menschen hinter dem Monster. Du willst alles wissen.
Wo war die Liebe in Georgs Leben? Deine Diagnose gleicht einem tiefenpsychologischen Geniestreich: Georgs Mutter hat einmal über Nacht in der Sandkiste sein zweitliebstes Förmchen vergessen (es war aber morgens noch da). Und seine Freundin hat Schluss gemacht, weil er mit einer anderen knutschte.
Und plötzlich bist du der verrückte Franz Josef Wagner. Der ist selbst manchmal so aufgebracht. Enttäuscht. Wütend. Traurig. Irgendwas mit Gefühlen. Rotwein. Diese Persönlichkeit will von Georg besonders viel über das WIE erfahren. Wie kommt man mit einer Axt unbemerkt in ein öffentliches Gebäude. Muss man das Sich-Mit-Einer-Axt-Hinter-Der-Tür-Verstecken lernen? Sollte die Paris Bar den Molotow-Cocktail auf die Karte nehmen?
Dann bist du plötzlich mitfühlender Didakt.
Für Dich Amokläufer hoffe ich, dass Du die Liebe lernst., schreibst du.
Ich schreibe: Für dich Briefeschreiber hoffe ich, dass du irgendwas Gescheites lernst. Klempner vielleicht.
Herzlichst
inFemme
inFemme - 23. Sep, 10:06


