Dienstag, 4. Oktober 2011

Ab heute wird zurückgeschossen! NICHT!!!!!

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Es geistern Artikel durch alle Medien, Comedians machen sich lustig, Frauen beschweren sich, alle prangern es an: Mütter machen sich gegenseitig fertig. Gründe dafür gibt es genug, schließlich ist die Mutterschaft dermaßen emotional aufgeladen, dass jede Kleinigkeit Grundsatzentscheidung ist und als Grundlage einer Verurteilung durch andere Mütter dient:
Darf ein Kind unter zwei Jahren raffinierten Zucker essen?
Darf eine Mutter das Kinderzimmer verlassen, obwohl das Kind noch nicht eingeschlafen ist?
Darf eine Mutter mit ihrem Kind zur musikalischen Früherziehung?
Darf eine Mutter sitzen bleiben, wenn ihr Kind ein anderen schubst?
Darf die Mutter eines Einzelkindes Mehrfachmüttern etwas über Kinder erzählen?
Die letzte Frage betrifft mich persönlich, denn als mein Buch herauskam, wurde eben diese Frage gestellt, beziehungsweise mir das Recht abgesprochen:
„Sehr geehrte Frau Drust, bekommen Sie erst einmal ein zweites oder gar drittes Kind (dann ist Ihnen beim Windeln oder Füttern auch nicht mehr langweilig) und lassen Sie diese auch erst einmal zehn Jahre älter werden. Und wenn Ihr Kind von Daheim auszieht, DANN können wir gerne noch einmal über die Palette der Muttergefühle als Gesamtausgabe sprechen.“

Das Zitat der Bloggerin trifft voll ins Schwarze. Denn es zeigt, wie schnell Mütter sich angegriffen, ihre Leistungen nicht gesehen fühlen und wie unreflektiert sie aufgrund dessen losschießen. Die o.g. Bloggerin hatte mein Buch noch nicht einmal gelesen. Inzwischen hat sie ihr Losgehacke kritisch hinterfragt, es relativiert und damit echte Größe bewiesen, finde ich.
Ich will nicht nur deshalb weder auf sie und auch nicht auf andere Mütter schießen. Ich will da überhaupt nicht mitmachen.

Es gibt Mütter, die verspüren ein starkes Bedürfnis, anderen Müttern ihre Version von Richtig aufzudrücken. Ich vermute, dass es ihnen in den seltensten Fällen wirklich darum geht zu helfen, also auf Augenhöhe das Problem zu begutachten und zu bewerten. Vielmehr wird diese Situation dafür genutzt, sich auf ein Podest zu stellen und von oben herab zu erklären, wie es zu sein hat, weil es bei einem selbst auch so war und deshalb auch unbedingt genauso gemacht werden muss. Statt einem gelösten Problem ist das Ergebnis in den meisten Fällen ein immer noch ungelöstes Problem PLUS einem angespannten Verhältnis.

Es gibt Mütter, die sind sehr verunsichert von all den Erwartungen, die ihr Umfeld, die Gesellschaft, der Arbeitgeber, die kinderlosen Freunde und nicht zuletzt die Mütter mit den älteren oder mehreren Kindern an sie haben. Damit sie sich besser fühlen, suchen sie bei anderen Müttern nach Fehlern. Sie machen andere klein, damit sie selbst größer dastehen. Deshalb wird sich auf Spielplätzen argwöhnisch beäugt, abfällig kommentiert, hemmungslos kluggeschissen und zickig zurückgewusst.
Ich ertappe mich selbst dabei, wie ich das mache. Wenn eine Mutter ihrem Kind etwas gibt, das mein Vater mit Glück als „Vogelfutter“ deklariert hätte, denke ich, sie übertreibt mit ihrem Ernährungskonzept, wenn eine Mutter ihrem Kind auf dem Spielplatz mit einem Feuchttuch hinterherläuft, rolle ich mit den Augen und frage mich, ob das Kind überhaupt Kind sein darf. Klar darf es das, verdammt, und zwar darf es das Kind dieser Mütter sein, die ihre Kinder besonders gesund ernähren und sauber halten. Meine Meinung hat da überhaupt nichts zu melden. Genauso wenig wie die Meinung anderer Mütter, wenn ich kein zweites Kind will oder mein Kind mit einer Milchschnitte aus der Kita abhole.
Ich weiss, dass das nicht so einfach ist. Es ist nämlich viel einfacher.

Alle Kinder sind verschieden. Alle Mütter sind verschieden. Alle Mütter haben so viele Kinder, wie sie haben wollen/können. Alle Mütter leben allein oder mit verschiedenen PartnerInnen zusammen, die wiederum alle verschieden sind. Alle Mütter/Väter/Familien wohnen/arbeiten/sprechen/spielen/lieben/essen auf ihre eigene Weise und das macht so unfassbar viele Unbekannte, dass es weder ein Richtig noch ein Besser geben kann.

Kinder haben ist kein großer Spaß mehr (der nerven kann), sondern ein Mütter-Wettkampf um die ersten Plätze in den Kategorien Selbstaufgabe und Höherschnellerweiter. Über die Kinder wird dieser Kampf ausgetragen, ihre Hochbegabung, Pflegeleichtigkeit und Sozialkompetenz beweist die Perfektion der erziehenden Mutter. Was für ein Schwachsinn. Wie soll mein Kind sozialkompetent werden, wenn ich mich selbst aufführe wie ein Nazi?

Ich wünsche mir, dass mein Sohn ein toleranter Mensch wird, der offen auf fremde Menschen zugeht und jedem eine Chance gibt. Er kann durchaus herausfinden, dass manche Menschen nicht sein Ding sind und er kann sie auch richtig doof finden, aber ich wünsche mir, dass er jeden Menschen so sein lässt wie er will. Deshalb ist dies auch kein Abkotzartikel über Mütter, die es besser wissen, sondern ein Weigerartikel, zurückzuschießen. Weil ich meinem Sohn ein gutes Vorbild sein will, weil ich anderen Menschen nichts vorschreiben – und weil ich verdammt noch mal auf dem Spielplatz meine Ruhe haben will, plädiere ich für neue Spielplatzregeln:
  1. Offen Anlächeln statt Kritisch Mustern.
  1. Reizthemen offen und wertfrei ansprechen und für die Spielplatzdauer gemeinsam entscheiden: Was machen wir, wenn die Kinder sich prügeln? Wer darf Süßigkeiten, wer nicht? Gehört das Spielzeug für die Zeit auf dem Spielplatz allen oder nicht?
  1. Andere Erziehungskonzepte und die dazugehörigen Menschen nicht gleich verurteilen oder belächeln, sondern einfach mal auf Augenhöhe nachfragen.
  1. Tipps nur auf Nachfrage geben, und dabei Charakter/Situation von Kind und Eltern mit einbeziehen.
  1. Runter von dem Scheiss-Podest. Und zwar alle!

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